Sagenhaftes

Der Nonnenschleier
Der Einsturz des Turmes der Jakobskirche
Das Saubörnchen
Die Siebenbrünnen
Der Goldberg
Der schwarze Tod
Der Reiter ohne Kopf
Das Koboldshaus am Dreiangel
Der Schatz im Bäckerhaus
Die Sage vom Speckhans
Als Herzog Ferdinand den Glauben wechselte
Der Hilgenstein bei Baasdorf
Der Kobold in Dohndorf
Der dreibeinige Hase von Dohndorf



Der Nonnenschleier

Auf dem alten Turm der Jakobskirche wohnte einst ein Stadtpfeifer mit seiner Tochter Rosina, die in der Stadt nur das schöne Turmröschen genannt wurde. Bürgersöhne und Junker bemühten sich um ihre Gunst. Der Fürst Joachim Ernst bestieg einst mit seinem Knappen Ulrich von Wülknitz den Turm. Als Ulrich mit dem Fürsten wieder den Turm hinab stieg, stand es bei ihm fest, dass das schöne Mädchen ihm gehören müsse. Der Knappe traf sich öfter mit dem Mädchen in der Glockenstube. Als sie eines Abends neben der großen Glocke saßen, da schwur er ihr, sie als Gattin heimzuführen. Da - war es ein Windstoß, der an dem alten Gemäuer rüttelte, oder tat es eine Geisterhand? - öffnete sich krachend die schwere Tür, welche nach dem Kirchboden führte, und hereinschwebte, nebelgrau und schattenhaft, eine tief in Schleier gehüllte Nonnengestalt. Erschreckt sagte Röschen leise zu Ulrich: "Das war die Nonne. Ihr Erscheinen kündet uns Unheil. Weißt du nicht, dass sie alle hundert Jahre sich zeigt und dass dann jedes mal ein Unglück folgt? Die Nonne entstammt deinem Geschlecht. Ihre Gebeine ruhen unten in der Kirche. Sie zürnt unserer Liebe. Darum lass ab von mir Ullrich." Doch der Knappe tröstete die Erschrockene und redete ihr zu, dass Nacht und Nebel sie aufgeregt und getäuscht hätten.
Am nächsten Abend trafen sich die beiden Liebenden, wie verabredet, an der Pforte des Kirchturms. Mit dem Glockenschlage zehn schlüpfte um die Turmecke eine Nebelgestalt und verschwand durch das Turmpförtchen. Da wehte der Wind einen schwarzen Schleier heran, der von beiden unbemerkt, sich fest um die Hüften des Mädchens legte. Als Röschen sich zum Schlafen niederlegen wollte, erblickte sie an ihrem Körper den dunklen Schleier, riss ihn ab, knüllte ihn zusammen und warf ihn von sich. Erschöpft sank sie auf das Bett und lag schlaflos, bis die Mitternachtsstunde schlug. Da glaubte sie ein leises Geräusch auf der Treppe zu hören, jetzt - öffnete sich ihre Kammertür, matter Schimmer erhellte das Gemach, und in diesem magischen Lichtkreise stand die Geisternonne vor dem Bett des Mädchens. "Gib mir mein Flörchen wieder", lispelte die Nonne. Die Stadtpfeiferstochter war vor Angst und Schrecken wie gelähmt. "Gib mir mein Flörchen wieder", flüsterte das Gespenst abermals, aber das Mädchen war nicht imstande, dem Gebot Folge zu leisten. "Gib mir mein Flörchen wieder", kam es von den bleichen Lippen zum dritten Mal. Dann drohte die Nonne mit dem Finger und verschwand.
Der nächste Tag verging und der Abend fand das sonst so muntere Turmröschen in tiefster Bekümmernis. Auch in der zweiten Nacht, als die Glocke dröhnend die Geisterstunde verkündete, erschien die Spukgestalt wieder und flüsterte dreimal die gefürchteten Worte. Wieder wurde es am nächsten Tag Mitternacht, da rauschte es zum dritten Male die Stiege herauf ins Kämmerlein, und die Gestalt der Nonne stand vor dem Bette und verlangte den Schleier zurück. Das Mädchen war aber wie von magischer Kraft gehalten. Drohender wurde das bleiche Totengesicht der Nonne. Da streckte sie die Hand nach dem Mädchen aus, Röschens Lippen entfuhr plötzlich ein jäher Angstschrei, und dann stand das Herz des Mädchens still.
Andern Tags fand der Vater seine Tochter tot im Bett liegend, der Schreck hatte sie getötet. Mit Schaudern vernahm der Knappe die Kunde von dem plötzlichen Dahinscheiden seiner über alles Geliebten. Getreu seinem Schwur, keine andere als sie zu seiner Gattin zu machen, blieb er unverheiratet bis an sein Ende.

 

Der Einsturz des Turmes der Jakobskirche

Die Jakobskirche hatte in früherer Zeit einen Turm, von dem die Sage berichtet, er sei so hoch gewesen, dass man das Licht des Turmwächters wie ein Leuchtfeuer auf der Nordsee habe erblicken können. Schon kurze Zeit nach der Errichtung war der Turm baufällig. Am 12. März 1569 empfahl der Fürst Joachim Ernst diesen Turm abzutragen, was aber nicht geschah. Am 10. Juli des Jahres 1599 befand sich die Frau des Stadtpfeifers mit ihrem Kind, das in der Wiege lag, auf dem Turm. Plötzlich bemerkte sie ein leichtes Knirschen. Kalk bröckelte von den Wänden ab und der Kirchturm schwankte bedenklich hin und her. Eilig nahm sie die Wiege mit dem Kind. Die sonst verschlossene Tür zum Kirchboden war glücklicherweise offen geblieben. Auf dem Kirchboden fand sie Rettung. Da brach der Turm unter Donnergetöse zusammen und fiel auf das nahe Gebäude der Stadtschule. Dunkle Staubwolken wollten empor. In der Schule befanden sich zum Glück keine Schüler mehr. Die Steine des Turms wurden u. a. für den Neubau des Köthener Schlosses und zum Bau des Gröbziger Rathauses verwendet. Erst 1895/96 erhielt die Jakobskirche ihre heute aus dem Stadtbild Köthens nicht wegzudenkenden Zwillingstürme.


Das Saubörnchen

Es kam einmal von Norden her ein Wanderer, dessen Reiseziel Köthen war. Er hatte schon einen weiten Weg hinter sich und war von der Gluthitze des Sommertages völlig erschlafft. Als er in die Nähe der Ziethe kam, konnte er vor Mattigkeit nicht weiter gehen. Sein Brot und Wasser hatte er längst aufgezehrt. Vor Hunger und Durst fiel er nieder und sprach: "Kann mir denn keiner helfen in meiner Not? Ich bin der Stadt so nahe und kann doch nicht dahin gelangen. Auch einen Bach sehe ich nicht weit von mir, aber meine Füße wollen mich nicht mehr tragen. So liege ich nun hier und verschmachte." Aber weit und breit war kein Mensch, der ihm helfen konnte. Während er verzweifelt am Boden lag, brach ein Eber durch das dichte Unterholz. Voller Angst sah ihn der Wanderer auf sich zu kommen und dachte, er würde ihn zerfleischen. Doch der Eber blieb dicht vor ihm stehen und wühlte mit seiner Schnauze die Erde auf. Und siehe da! Bald quoll frisches, klares Wasser aus der Erde hervor. Der Wanderer trank aus der Quelle. Das stärkte ihn so, dass er sich wieder erheben und seinen Weg nach Köthen fortsetzen konnte. Nach dem wilden Schwein hat die Quelle den Namen "Saubörnchen" erhalten.


Die Siebenbrünnen

Die Quellen der Siebenbrünnen drohten 1892 durch das Sinken des Grundwasserspiegels zu versiegen. Wenige Jahre vorher wurden die beiden Tümpel noch zur Fischzucht genutzt. Von den Siebenbrünnen kam vor Jahrhunderten eine reichliche Wassermenge, die durch Gräben nach dem Bärteich und dann durch "die Bach" nach dem Schlossteich und von hier zur Ziethe floss. Lange Zeit galt das Wasser als Gesundbrunnen, den die Ärzte verordneten. Das vorzügliche Trinkwasser wurde auch zum Brauen von Bier verwendet. Als man im Frühjahr 1921 im alten Brunnen des ehemaligen Dorfes Hohenköthen an der Straße nach Wülknitz auf dem Gebiet der ehemaligen Leimfabrik (Knochenmühle) eine Tiefbohrung vornahm, traf man auf eine starke Sole. Als einst die Pest in Köthen wütete, es war gerade um die Zeit des Osterfestes, da tranken der Sage nach mehrere Leute von dem Siebenbrünnen Wasser und empfanden eine heilbringende Wirkung. Bald wurde dies bekannt, viele Kranke genossen nun von dem Wasser und erlangten dadurch ihre Gesundheit wieder. Besonders das in der Osternacht geschöpfte Wasser soll sehr heilsam gewesen sein. Man durfte aber, wenn man das Wasser holte, kein Wort sprechen, sonst verlor es die Heilkraft. Die Gegend bei den Siebenbrünnen ist nicht geheuer. Um Mitternacht soll dort ein Ziegenbock ohne Kopf sein Unwesen treiben.


Der Goldberg

Als gegen Ende des 7. Jahrhunderts die Wenden Köthen bedrohten, vergruben die wohlhabenden Einwohner der Stadt aus Furcht vor Plünderung ihre Kostbarkeiten unter einem Hügel bei den Siebenbrünnen. Im Volke hieß der Hügel noch lange Zeit hindurch der Goldberg. Manche gierige Hand hat schon nach den Schätzen gesucht, aber vergebens. Auch die Leute der Stadt, die die Plünderung überlebten, fanden ihre vergrabenen Wertgegenstände nicht wieder.
Der Satan hatte sich des Schatzes bemächtigt. Jedes siebente Jahr baut er einen Hügel und bringt die Schätze darauf. Man sagt, das Gold brennt, und blaue Flämmchen stiegen wie Irrlichter aus der Erde auf. Der Böse hütet den Schatz, weil er Anlass zu einem Mord gegeben hatte. Zwei junge Männer aus Familien, welche den Schatz einst vergraben hatten, gerieten bei der Suche in Streit und schlugen einander tot.
Der Schatz kann nur gehoben werden, wenn ein schuldloser junger Mann um Mitternacht kommt und einen schwarzen Bock, ein schwarzes Schaf und einen schwarzen Hund mitbringt.
An den Tieren darf aber auch nicht ein einziges weißes Härchen sein. Macht dann der Schatzgräber dreimal das Zeichen des Kreuzes und berührt mit einem schwarzen Stab dreimal den Hügel, dann öffnet sich mit Krachen eine breite türartige Spalte und gibt die so lange gehegten Schätze heraus. Sollte der Schatz gehoben werden, wird der Satan unter Wutgebrüll und unter entsetzlichem Schwefelgestank von dem Hügel an den Siebenbrünnen entfliehen.
Einst wollte ein Ritter mit Gewalt den Schatz des Goldberges erwerben. Seine Knechte mussten im Schweiße ihres Angesichts graben. Er aber saß auf seinem Schimmel und trieb sie mit Flüchen und Schlägen an. Da packte der Satan plötzlich den Ritter und riss ihm den Kopf vom Rumpfe. Den geschundenen Knechten tat er nichts. Das erschreckte Pferd rannte mit dem Reiter ohne Kopf davon.


Der schwarze Tod

Im 17. Jahrhundert hauste die Pest, der schwarze Tod, ganz furchtbar in der Stadt Köthen. Allein in den Jahren 1625, 1626 und 1636 starben fast 3000 Menschen an dieser Seuche. Letztmalig wütete sie von 1681 bis zum März 1682 in den Mauern der Stadt und forderte 230 Menschenleben. Mit Kreuz und Fahne zogen singend und betend Priester durch die Stadt und flehten um Rettung, aber keine Bitte linderte die furchtbare Not.
Da zog eines Tages, als die Not aufs Höchste gestiegen war, ein ernster und wunderbar anzuschauender Priester, den man noch nie gesehen hatte, durch die Gassen der Stadt. Er führte seine Begleiter unter Bittgesängen bis in die damals unwirtliche, mit dichten Röhricht und uralten Bäumen bedeckte Gegend des Dreiangels. Er machte vor einer mächtigen Ulme Halt, die mit ihren knorrigen Ästen hoch in die Luft ragte. Dicht an den blitzzerrissenen Stamm trat nun der Priester. Mit einem Bannspruch beschwor er den schwarzen Tod. Männer traten hinzu, trieben mit mächtigen Hämmern starke Holzkeile in die Öffnung des Baumes und überspannten dieselbe mit festen Eisenklammern. Die Ulme auf der Landwiese versah er mit Riegel und einem festen Schloss und schleuderte dann den Schlüssel weit in den unergründlichen Sumpf. Den Schlüssel hat keines Menschen Auge je wieder gesehen. Von Stund an war die große Not vorbei.
Noch in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts berichtete die Mutter Lautsch mit volkstümlicher Anschaulichkeit von der Pestulme und ihrem Schloss. Der Grundwasserstand war vor 100 Jahren in und um Köthen noch sehr hoch. In früheren Jahrhunderten waren die Neumarktsgärten nicht durch Zäune, sondern durch Gräben getrennt. Weiden wuchsen an den Gräben. Wer das Recht zur Nutzung besaß, hatte zugleich die Pflicht, die Weiden zu pflanzen, zu pflegen und den Ausschlag zu ersetzen.


Der Reiter ohne Kopf

Allabendlich, wenn die Geisterstunde anbricht, jagte vom Gottesacker her ein Schimmel mit einem kopflosen Reiter nach dem Fasanenbusch im Westen der Stadt. Das Tor der Planke, die einst den Fasanenbusch umgab, öffnete sich von selbst und Ross mit Reiter waren im Nu verschwunden. Ein Mühlbursche von der 1917 abgebrochenen Windmühle an den Siebenbrünnen, die sich lange im Besitz der Köthener Familie Bramigk befand, hat an zwei Abenden die wilde Jagd leibhaftig gesehen. Am dritten Abend ist er nicht wieder vor die Mühle getreten, er fürchtete, sein Vorwitz könnte arg gestraft werden. Sollte der Reiter ohne Kopf vielleicht der Ritter sein, der den Schatz des Goldberges bei den Siebenbrünnen gewaltsam heben wollte?


Das Koboldshaus am Dreiangel

An einem kalten Herbsttag ging die Frau des Bäckers Holderlein tief verhüllt mit einem schweren Korb am Arm durch den Lachsweg und suchte mit möglichster Schnelligkeit, welche auch der sich ihr entgegenstemmende Sturm nicht verhindern konnte, die Klipppforte zu erreichen. Hier umfing sie völlige Finsternis und Öde, gab es doch jenseits der Pforte nur mit schlammigen Gräben umgrenzte Gärten und mit Röhricht und Weiden bestandene Sumpfstrecken. Die große Sicherheit, mit der sie auf ihrem unheimlichen Wege, an Gräben entlang und dieselben mitunter auf einem schmalen, schwankenden Brett überschritt, bekundete, dass es ihr gewohnte Pfade waren, die sie beschritt.
Weit draußen am Dreiangel vor ihrem, mitten in der Einöde gelegenen, Gartenhause machte sie endlich Halt. Im Haus breitete sie auf dem Tisch die mitgebrachten Delikatessen aus und bald prasselte auch ein lustiges Feuer im Kamin. Nachdem das Mahl bereit war, spähte die Frau mit scharfen Blicken in die rabenschwarze Nacht. Mit rauschendem Flügelschlage und widerlichem Gekreisch umkreiste plötzlich ein geisterhaftes Unding den First des Hauses und verschwand mit Getöse im weiten Schornstein. Für Frau Hoderlein schien die Gesellschaft dieses schauerlichen Kobolds längst alle Schrecken verloren zu haben. Freundlich trug sie die vorhandenen Speisen auf, und schaute mit Behagen zu, wie er all die guten Sachen mit tierischer Gier verschlang. Als der Kobold sich mehr als gesättigt anschickte, auf dem von allen bösen Geistern bevorzugten Wege zu verschwinden, forderte ihn die Frau mit den Worten auf: "Hänschen, vergiss das Beste nicht!", seine Zeche zu bezahlen. Er tat es reichlich mit klingendem Golde. Die Nachbarn wunderten sich, wie bei der Familie ohne irgendwelche Anstrengung das Habe stetig wuchs. So durchschwirrte bald die ehrsame Stadt Köthen die Kunde: "De Holderlein'n hat'n Kobbelt!"


Der Schatz im Bäckerhaus

Der Wanderer, der vor mehr als 300 Jahren die Stadt Köthen durch das Schalaunische Tor betrat, welches am Gasthof "Zum schwarzen Bär" die enge Straße überspannte, gelangte bald zu einem Hause, in dem ein einsamer Bäckermeister sein nahrhaftes Gewerbe betrieb. Es ging die Kunde von einem unermesslichen Schatze, der in seinem Gehöfte verborgen liegen sollte. Dem Bäcker ließ der Schatz weder Tag noch Nacht Ruhe. Klaftertief wühlte er den Hofraum um, riß Pflaster und Estrich auf, beklopfte das Gemäuer und lauschte mit gierigem Ohr, ob ihm vielleicht ein besonderer Klang die beglückende Aussicht auf schätzebergende Hohlräume eröffnete. Da gab es denn ein unaufhörliches Rumoren und Poltern im Hause des Bäckers, das auch die Nachbarn in ihrer Ruhe störte. Bald kehrten Not und Sorge ein, denn über dem Schatzgraben hatte der verblendete Meister sein ehrliches Handwerk vergessen und versäumt.
Eben, als die Uhr der Jakobskirche mit dumpfen Schlägen die zwölfte Stunde verkündete, trat die Tochter, der es von jeher oblag den Backofen zu heizen, aus ihrer Kammer. Da sah sie etwas in der Vertiefung vor dem Backofen glänzen. Das Mädchen wunderte sich über die glühenden Kohlen, aber das war kein Häuflein wertloser Kohlen, sondern eine Fülle hellglänzenden Goldgeschmiedes und lichtsprühender Edelsteine in einer eisenbeschlagenen Truhe.
Da war nun der Schatz der Tochter ohne ihr Zutun durch eine geheimnisvolle Macht in greifbare Nähe gerückt. Eine gespenstische Nonne in grauen, lang wallenden Gewändern, stand als Hüterin der Kleinodien neben der Truhe. Traurig sah die schattenhafte Frau das vor Angst erstarrte Mädchen an und rief immer dringlicher mit klagendem Ton: "Ach, wie lang!". Mit dem Ruf: "Schneid ab!" versuchte das erschreckte Mädchen die Nonne von sich abzuwehren.
Kaum waren die Worte verklungen, da schlug die Nonne den Deckel der Truhe krachend zu und sprach: "Weh, du töricht Mägdelein! Gold und Kleinod wurde dein, löstest du mit flinker Hand mir vom Fuße das Gewand. Erst nach dreimal hundert Jahren wird es neu sich offenbaren!". Und damit versank sie samt dem unseligen Schatz in der Tiefe.
Der Schatz war durch die Schuld eines einfältigen Mädchens, das nicht wusste, dass man keiner Nonne den Rat geben darf die Schleppe abzuschneiden, für drei Jahrhunderte tief in die Erde gebannt. Wenn die Nonne in nicht allzu ferner Zeit mit der kostbaren Truhe wiederkehrt, wird sie das alte Haus mit dem Backofen nicht wieder finden, denn beides hat in der Mitte des vorigen Jahrhunderts einem neuen Gebäude weichen müssen. Wohl aber würde sie manches gescheite Mädchen in Köthen antreffen, das ihr auf ihre schmerzliche Klage über das allzu lange Gewand eine klügere Antwort geben könnte.


Die Sage vom Speckhans

1538 wurde durch den Fürsten Wolfgang die Köthener Kalandsbrüderschaft aufgelöst und enteignet. Es war eine Gebetsbrüderschaft Geistlicher, die für Seelenmessen Geld annahmen und ein prasserisches Vereinsleben führten. Das Hospital (Spittel) befand sich in der Stiftstraße 2. Einer dieser frommen Brüder, der die merkwürdige Gepflogenheit hatte, in jedem Hause und in jeder Hütte um ein Stücklein Speck zu bitten, war dadurch zu dem schönen Namen "Speckhans" gekommen.
Besagtes nahrhaftes Mönchlein scheint nämlich neben seiner Leibhabereien für zartrosigen Speck noch anderen minder harmlosen Liebhabereien gehuldigt zu haben. So soll es ihn oft in die Nähe und auch wohl in das Innere des Nonnenklosters getrieben haben, welches auf demselben Grund und Boden gelegen haben soll, wo viel später das Gebäude der Töchterschule errichtet wurde. Die Sage bringt uns die schaurige Kunde, dass man den unverbesserlichen Speckhans, als man ihn wieder auf verbotenen Wegen ertappte, kurzer Hand in einer einsam gelegenen Zelle einmauerte und ihn so einem qualvollen Tode preisgab. Leider war das Ärgernis hierdurch keineswegs beseitigt! Nun wanderte der Tote als hohlwangiger, unheimlicher Geist durch alle Räume des alten Gebäudes und verbreitete mehr Schrecken und Grauen denn zuvor.
Wenn auch das Kloster später zerfiel, so blieb Speckhans fest an die alte Stätte gebannt. Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich in einer Ecke des Schulhofes ein altes Gebäude, von dem sich die Schülerinnen der Töchterschule mit Grausen zuflüsterten: "Hier geht Speckhans spuken!".


Als Herzog Ferdinand den Glauben wechselte

Es hat einen Herzog von Köthen gegeben, von dem hat man erzählt, dass er in Paris mal sein Land verspielt habe und nur vom König von Preußen wieder ausgelöst worden sei. Als er nun zurückgekommen, haben ihn die Bürger dessen ungeachtet feierlich empfangen wollen und sind ihm mit Fackeln entgegen gezogen, aber da hat sich ein Teil der Brücke, auf die ihr Weg führte, gesenkt und viele, viele sind zu Schaden gekommen. Das ist aber geschehen, weil der Herzog seinen Glauben geändert, und daher ist es auch gekommen, dass, als er hat eine Kirche bauen wollen, er sie nicht hat unter Dach bringen können, denn jedes mal, wenn es soweit war, ist über Nacht wieder ein großes Stück davon eingestürzt, und so ist der Herzog endlich darüberhin gestorben.


Der Hilgenstein bei Baasdorf

Östlich der Straße, die von Köthen nach Baasdorf führt, liegt beim km 4,2 der Hilgenstein. Es ist eine Blockpackung von gneisigem schwedischen Granit. Es sind fünf Blöcke von unterschiedlichen Größen. Der größte Block ist 4,70 m lang, 2,20 m breit und fast 2 m hoch. Am 15.06.1844 fand man bei Grabungen neben dem Block ein Schwert, zwei verzierte Lanzenspitzen und ein verziertes geschweiftes Messer. Dieser Hortfund aus der jüngeren Bronzezeit (1000-800 v.d.Z.) befindet sich im Heimatmuseum in Zerbst. Der Hilgenstein diente vermutlich einst als heilige Stätte.

Mehrere Sagen ranken sich um diese Blockpackung.

  1. Der Teufel soll von Petersberg aus den Stein nach der Kirche in Köthen geworfen haben, um diese zu zertrümmern. Er hielt wohl die Richtung ein, aber täuschte sich glücklicherweise in der Entfernung. Der Stein schlug vorher auf und zerbarst.
  2. Vor vielen Jahren wurde die Familie eines armen Arbeiters in Baasdorf schwer heimgesucht. Den Vater, der gern und fleißig arbeitete, warf eine schwere Krankheit auf das Schmerzenslager. Bald war die geringe Habe der Leute aufgezehrt und bittere Not zog in die Hütte ein. Als endlich der Ärmste von seinen Schmerzen erlöst war, fehlten der Witwe die Mittel, ihn zur Ruhe zu bestatten. Bittend klopfte sie an die Tür des reichen Nachbars. Der aber hatte ein Herz, hart wie Eisen, und wies sie verächtlich ab. Betrübt ging sie wieder nach Hause, stellte sich mit den verwaisten Kindern um das Lager des geliebten Toten und weinte kümmerlich. Da stand plötzlich ein Engel bei ihnen und sprach: "Seid getrost und klaget nicht!". Darauf nahm er den Toten in seine Arme und sprach: " Folget mir! Die Gruft ist bereitet. Schon läuten die Glocken!" Willig folgten sie der lichten Gestalt. Sie waren noch nicht weit vom Dorfe entfernt, da blieb der Engel stehen. Er legte den Leichnam in ein offenes Grab und schloss die Gruft mit einem schweren Stein. Alsdann verschwand er und wurde nicht mehr gesehen.


Der Kobold in Dohndorf

In Dohndorf lebte einst eine Familie, die durch Fleiß und Sparsamkeit wirtschaftlich vorwärts gekommen war. Der Aufschwung war vielen Dorfbewohnern rätselhaft. Man raunte einander zu, in dem Grundstück habe ein Kobold sein Heim aufgeschlagen, der die Familie mit Geld und Lebensmitteln versorge. Als nach der Heirat der Tochter die Wohlhabenheit zunahm, nahm auch der Glaube an den glückbringenden Kobold immer festere und bestimmtere Formen an. Die auf der Hofbreite arbeitenden Frauen flüsterten sich zu, dass in sternklaren Nächten der Kobold beobachtet werden könnte. In Gestalt eines feurigen Klumpens fliege er mit langem, feurigem Schwanze zum Schornstein hinein. Eine Frau beteuerte, sie habe zu wiederholten Malen aus dem Grundstück die Worte gehört: "Hänschen, keke ut!". Dann sei das feurige Tier erschienen und habe in eine bereitgestellte Schüssel Geld, Reisbrei und alle möglichen Lebensmittel gespien.


Der dreibeinige Hase von Dohndorf

Vor langen Zeiten erzählte man vom Nachtwächter in Dohndorf, dass ihm zur mitternächtlichen Stunde in einiger Entfernung ein dreibeiniger Hase nachschleicht. Es ist der Hase, der nie müde wird, da er beim Laufen abwechselnd je eines seiner vier Beine auf den Rücken legen kann. Der Hase folgte dem Nachtwächter und blickte jeden Begegnenden mit großen feurigen Augen an. Einige beherzte Leute hatten auch noch bemerkt, dass das gefürchtete Tier die faltige Gesichtsbildung einer Frau aus dem Dorfe zeigte. Sie war eine treusorgende Hausfrau, der allein wegen ihres faltenreichen Gesichtes nachgesagt wurde, sie verstände etwas von der schwarzen Kunst. Man machte einen Bogen um sie und murmelte eine Beschwörungsformel. Kleine Kinder, die im Mantel getragen oder im Wagen gefahren wurden, schützte man vor dem bösen Blick der Frau, in dem man ihnen das Gesicht zudeckte. Das Gerücht über die Frau verstummte erst nach ihrem Tode.