BCKategorie 08.11.2017 09:18:51 Uhr

Wolfgang Ratke (1571-1635)

Der Pädagoge und Didaktiker Wolfgang Ratke wurde von Fürst Ludwig nach Köthen berufen. Hier gründete er eine Schule sowie den ersten deutschen Schulbuchverlag.

Ratkes Wahlspruch:
„Ratio vicit, vetustas cessit“
(Die Vernunft hat gesiegt, das Veraltete ist gewichen.)


Wolfgang Ratke wurde am 18. Oktober 1571 in Wilster/Holstein geboren. Bevor er in Rostock und Helmstedt Mathematik, Philosophie und Theologie studierte, besuchte er das Hamburgische Johanneum, wo er seine erste Schulbildung erlangte. In Holland verbrachte er seine Zeit mit dem Studium mehrerer neuer Sprachen (Französisch, Englisch und Italienisch) sowie alter Sprachen (Latein, Griechisch, Chaldäisch). Dort war er später auch für einige Jahre als Privatlehrer tätig, wobei er eine neue Lehrmethodik, basierend auf der Philosophie von Francis Bacon, entwickelte. Nachdem er mangels Unterstützung 1610 wieder nach Deutschland kam, legte er 1612 seine Lehrmethode, das ‚Frankfurter Memorial’ bei den in Frankfurt versammelten deutschen Reichsständen vor. Seine Vorstellungen richteten sich dabei nach der „Tabula Rasa“ (Abschließen mit einer Sache und Neuanfang ohne Vorprägung) und beinhalteten außerdem die Einführung einer allgemeinen Schulpflicht sowie ein von Kirche und Staat getrenntes Schulsystem und einheitliche Lehrpläne und Schulbücher.

In den folgenden Jahren 1612-1613 erteilte Ratke erfolgreich Sprachkurse nach seiner neuen Lehrart in Weimar. Seine Vorschläge, den Elementarunterricht vor allem mit der Muttersprache und der Naturkunde zu gestalten, wurden jedoch trotz breiter Diskussion nur zögernd aufgegriffen. Die nächsten Jahre verbrachte Wolfgang Ratke u. a. damit durch mehrere deutsche Städte sowie durch Straßburg und Basel zu ziehen, um seine Reformpläne zu verbreiten. Dabei stieß er aber auf Widerstand der Stadtbehörden und der Geistlichkeit, die ihn als „irreligiösen“ Menschen bezeichneten.


Wolfgang Ratkes Zeit in Köthen

Fürst Ludwig berief Wolfgang Ratke 1618 nach Köthen, um das Schulwesen zu reformieren. Ratke lebte daraufhin bis 1620 in Köthen. In den Schulen, die er für Mädchen und Knaben errichtete, wurde der Unterricht nach seinen didaktischen Prinzipien abgehalten. Anschaulichkeit und die muttersprachliche Bildung standen im Vordergrund, während das Lernen von Zusammenhängen dem Memorieren vorgezogen wurde. Ratke berief einige Lehrkräfte nach Köthen, darunter auch den Pädagogen Christian Gueintz aus Halle.

Am 21. Juni 1619 gründete Wolfgang Ratke eine neue Schule, die sich vermutlich am Standort der heutigen „Johann-Friedrich-Naumann-Schule“ befand. Für die Herstellung der Lehrbücher der ratichianischen Didaktik (Ratke wurde auch als „Ratichius“, „Ratichii“ oder „Ratychi“ bezeichnet) wurde von Ratke eigens eine fürstliche Druckerei eingerichtet. Damit entstand der erste deutsche Schulbuchverlag. Nach seiner ratichianischen Lehrmethode musste der Schüler sich erst mit einem Text in deutscher Übersetzung vertraut machen, ehe er mit der Fremdsprache konfrontiert wurde.

Wolfgang Ratke wurde durch seine Aktivitäten zu einem der Begründer der modernen Pädagogik. Der Begriff „Didaktik“ wurde erst durch ihn eingeführt.

Anfeindungen und Verleumdungen durch die reformierte Geistlichkeit veranlassten Fürst Ludwig am 5. Oktober 1619 dazu, Ratke zu „hartem Gewahrsam“ zu verurteilen. Ihm wurde Ketzerei, Betrügerei und Zugehörigkeit zu den Rosenkreuzern vorgeworfen. 1620 erfolgte der Landesverweis. Neun Monate hatte er im Turm des Schlosses Warmsdorf auszuharren. Mit seiner Freilassung am 22. Juni 1620 stand Ratke mit leeren Händen da. All seine wertvollen Bücher, Handschriften und sein persönliches Eigentum wurden ihm entwendet.

Noch heute gibt es eine Schule in Köthen, die nach Wolfgang Ratke benannt ist.


Die Folgejahre

Nachdem Ratke auch in Halle (Saale) und Magdeburg vergeblich versuchte Fuß zu fassen, hielt er sich zwischen 1622 und 1631 in Rudolstadt und Jena auf, wo er 1624 die Mädchenschule in Rudolstadt reformierte. Unter dem Schutz der Gräfin Anna-Sophia von Schwarzburg-Rudolstadt und der Unterstützung einiger Thüringer Gelehrter konnte er sich getrost seiner Lehre widmen. Somit konnten seine Hauptwerke in dieser Zeit entstehen.

Ratke versuchte 1632 den schwedischen König Gustav II. Adolf und den schwedischen Kanzler Oxenstierna, ein Kommilitone aus seiner Studienzeit in Rostock, für sein Schulprogramm zu gewinnen. Zu dieser Zeit griffen die Schweden in das Kriegsgeschehen des Dreißigjährigen Krieges ein.

1633 erlitt Wolfgang Ratke einen lähmenden Schlaganfall und verstarb zwei Jahre später, am 27. April 1635 in Erfurt.

Seine Lehren überlebten ihn dennoch. Sie beeinflussten u. a. Johann Amos Comenius und wirkten bis in die Pädagogik der Aufklärung (Johann Bernhard Basedow und Johann Heinrich Pestalozzi) hinein.


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